Die Studie EconPLUS

Zur Pluralität der volkswirtschaftlichen Lehre in Deutschland

 

In den vergangen Jahren gab es in der Öffentlichkeit aber auch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde zunehmend Kritik an der Einseitigkeit der derzeitig gelehrten Volkswirtschaftslehre. Vor diesem Hintergrund initiierte das Netzwerk Plurale Ökonomik ein Kooperationsprojekt mit der Universität Kassel, um diese Kritik empirisch zu überprüfen. Das Projekt wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Die Ergebnisse dieses zweijährigen Forschungsprojektes liegen nun vor.

Auf den folgenden Seiten finden Sie einen Überblick über die zentralen Befunde der Befragung und der Analyse der Lehrmaterialien sowie eine Kurzversion mit den zentralen Aussagen und Konsequenzen der Studie.

Die Darstellung der Ergebnisse der Befragung und der Analyse der Lehrinhalte basiert auf Auszügen aus dem Buch zum Projekt, welches im November 2016 im Metropolis-Verlag erscheint.

EconPLUS ist ein Kooperationsprojekt des Fachgebiets Umwelt- und Verhaltensökonomik (Prof. Dr. Frank Beckenbach) der Universität Kassel und des Netzwerks Plurale Ökonomik. Das Projekt wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

Hintergrund des Projektes

In den vergangenen Jahren, insbesondere nach der Finanzkrise, kam es sowohl aus der wissenschaftlichen Gemeinde (z.B. Krugman 2009, Buiter 2009), von Studierenden (ISIPE 2014, Netzwerk Plurale Ökonomik 2012, Dürmeier et al. 2006) sowie in der öffentlichen Diskussion zu einer zunehmend starken Kritik an der ökonomischen Bildung und Forschung. In diesem Zuge haben sich ForscherInnen sowie auch Aktive aus der Studierendenbewegung in den letzten Jahren intensiv mit der ökonomischen Bildung in verschiedenen Ländern auseinandergesetzt. Die Resultate dieser (noch am Anfang stehenden) Forschung deuten an, dass die ökonomische Forschung und Lehre in den untersuchten Ländern (Thorton 2012, Wigstrom 2013, Peps 2014, Kappeler 2016) sehr einseitig hinsichtlich der vermittelten Theorien und Methoden ist und sich vornehmlich innerhalb des neoklassischen Denk- und Analyseapparates bewegt.

Das Projekt EconPLUS verfolgt das Ziel, die vorherrschende Kritik konzeptionell zu fundieren, empirisch zu überprüfen und darüber hinaus Ansatzpunkte zur Vergrößerung dieser Pluralität aufzuzeigen. Dies erfolgte in drei Schritten:

  • Entwicklung eines konzeptionellen Rahmens, der sowohl die forschungsbezogenen Besonderheiten der modernen Ökonomik als „Normalwissenschaft“ analysiert als auch die Differenzierung der Organisationsbestimmtheit der Lehre erfasst und zusammenführt und eine systematische Differenzierung von heterodoxen und orthodoxen Lehrinhalten ermöglicht.
  • Befragung der Lehrenden an 54 volks- und wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen in Deutschland in Bezug auf das Verständnis von dem ökonomischen „mainstream“ zuzurechnenden Inhalten und von relevanten „sidestream“ Ansätzen. Weiterhin wurden die Lehrenden u.a. gefragt, inwieweit ihre eigene Lehre plural gehalten ist, wie groß die Bereitschaft ist, mehr plurale Inhalte zu vermitteln, und welche Hemmnisse bestehen. Ein weiteres Thema war die Einstellung zur aktuellen Kritik an der Ökonomik. 
  • Untersuchung der Modulbeschreibungen der Grundlagenveranstaltungen „Einführung in die VWL“, „Mikroökonomik“ und „Makroökonomik“ der 54 volks- und wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge sowie von Lehrmaterialien zu den drei Fächern mittels quantitativer und qualitativer Methoden. Zusätzlich wurde geprüft, inwieweit Fächer mit einer „erweiterten Perspektive“ (z.B. Geschichte des ökonomischen Denkens) Bestandteil des Fächerkanons der untersuchten Studiengänge sind und welche Lehrbücher verwendet werden.

Ergebnisse des Projektes EconPLUS

Zentrale Ergebnisse der Befragung der Lehrenden

  1. Die große Mehrheit der befragten ÖkonomInnen ist der Auffassung, dass es einen Mainstream gibt, dabei ist auch eine Mehrheit der ÖkonomInnen der Meinung, dass es vom Mainstream nicht abgedeckte relevante ökonomische Konzepte und Theorieansätze gibt (Sidestream).

  2. Die Zuordnung von Begrifflichkeiten zum Mainstream durch die Befragten zeigt, dass sich der Mainstream vornehmlich im konzeptionellen und methodischen Gedankengerüst der neoklassischen Ökonomik bewegt. Die Aussagen zum Sidestream sind stark fragmentiert.

  3. Die Mehrheit der Befragten hat eine weitgehende Kenntnis der Kritik der Studierenden. Die Hälfte der Befragten hält die Kritik relativ weitgehend für angebracht.

  4. Es gibt eine deutliche Diskrepanz zwischen der Bereitschaft zu pluraler Lehre und der tatsächlichen Umsetzung (Einstellungs-Praxis-Lücke).

  5. Als Haupthindernis einer Vielfalt in der Lehre wird der Umfang des Pflichtstoffes genannt, gefolgt von einem Mangel an ausreichenden personellen Ressourcen, hoher Arbeitsbelastung sowie der Ausrichtung des Studiengangs.

  6. Frauen sind signifikant offener für die Kritik der Studierenden sowie die daraus folgende Umgestaltung der Lehre als Männer.

 

Zentrale Ergebnisse der Auswertung der Lehrinhalte

  1. Die Modulbeschreibungen der untersuchten Grundlagenmodule lassen den Schluss zu, dass an der überwiegenden Anzahl der volkswirtschaftlich orientierten Studiengänge der Universitäten eine Vorselektion von Themen, Konzepten, Lernzielen und Methoden stattfindet.

  2. Diese Vorfestlegung der Sichtweise auf die Lehrinhalte kommt einer Selbstbeschränkung in der Lehrpraxis gleich und widerspricht dem Gedanken einer offenen Universität und der verfassungsrechtlich garantierten Freiheit in Forschung und Lehre.

  3. Dieser Befund spiegelt sich weitgehend in der Ausrichtung der untersuchten Lehrmaterialien (Lehrveranstaltungsunterlagen und Lehrbücher) wider. Es kann davon ausgegangen werden, dass Modulhandbuchbeschreibungen und Lehrpraxis nicht unabhängig voneinander sind.

  4. Es zeigt sich, dass die Modulbeschreibungen zu den Grundlagenveranstaltungen von Begriffen und Konzepten dominiert werden, die der modernen Neoklassik zugerechnet werden können.

  5. Lehrveranstaltungen mit erweiternder Perspektive, etwa die Geschichte des ökonomischen Denkens, Wirtschaftsgeschichte, Wissenschaftstheorie und Ethik, sind nicht genuin Teil der Lehre, sondern werden – wenn überhaupt – nur an einzelnen Universitäten angeboten.

  6. Die Aufgabe einer akademischen Ausbildung, die auf einen selbstreflexiven Umgang mit gesellschaftlichen Problemen abzielen sollte, bleibt damit auf der Strecke. Die gegenwärtige Lehrpraxis vernachlässigt zudem die Ausbildungsinteressen der Studierenden, die nicht an der Universität verbleiben.

 

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