Hamburger Wissenschaftskongress

Immer häufiger wurde in den vergangenen Jahren, gerade auch unter dem Eindruck der anhaltenden Wirtschafts- und Finanzkrise, die Arbeitsweise der ÖkonomInnen und WirtschaftswissenschaftlerInnen kritisiert und die Frage nach der (Mit-) Verantwortung ebenjener gestellt. So wurden selbst in großen Tages- und Wochenzeitungen Stimmen laut, die der Volkswirtschaftslehre mangelnde Theorien- und Methodenvielfalt, sowie fehlende Selbstreflexion und Gesellschaftsbezug vorwarfen. Auch innerhalb der VWL selbst drücken kritische WissenschaftlerInnen und Studierende ihre Unzufriedenheit über fehlenden Realitätsbezug und inhaltliche Einseitigkeit aus. Sie setzen sich für eine Veränderung des ökonomischen Wissenschaftsbetriebes ein, wie etwa der offene Brief des Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. anlässlich der Tagung des Vereins für Socialpolitik 2012 zeigt.

Dazu soll auch dieser Kongress einen Beitrag leisten, indem er auch – aber nicht nur – heterodoxe WissenschaftlerInnen mit ihren Ansätzen zu Wort kommen lässt und eine Plattform für einen respektvollen Dialog verschiedener Schulen bietet. Ist die heutige Volkswirtschaftslehre mit ihrem starken Fokus auf formal-abstrakten Methoden ausreichend in der Lage die Realität zu analysieren? Wie sehr Sozialwissenschaft, wie sehr Naturwissenschaft ist die Ökonomik, kann und soll sie sein? Wie viel Interdisziplinarität und Pluralität ist in der VWL notwendig, um die Wechselwirkung von Wirtschaft, Politik, Recht und Gesellschaft zu durchdringen und daraus adäquate Handlungsempfehlungen abzuleiten? Ist die (heutige) Volkswirtschaftslehre wertfrei und kann sie das überhaupt sein? Wie viel Normativität implizieren u.a. methodologischer Individualismus und Homo Oeconomicus? Wie sehr ist menschliches Handeln naturgegeben und inwieweit ist es historisch, kulturell und gesellschaftlich geprägt? Wie stark kann und soll Wissenschaft ihr Wirken auf Politik berücksichtigen? Diese und andere Fragen sollen bei Vorträgen, Workshops und Diskussionen zu Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Dogmengeschichte gestellt werden und bieten den Hintergrund für die Auseinandersetzungen mit inhaltlichen und methodologischen Fragen und unterschiedlichen Konzepten. Der Fokus des Kongresses wurde bewusst auf die Themen Arbeit und Umwelt gelegt, denn diese Themen sind nach Meinung der Veranstaltenden über die aktuelle Krise hinaus von großer gesellschaftlicher und ökonomischer Bedeutung. Beim Themencluster Umwelt stehen Fragestellungen rund um Klimawandel, verschiedene Sichtweisen auf ökologische Krisen und unterschiedliche Lösungsstrategien im Mittelpunkt. Dem Thema Arbeit soll sich anhand von Beispielen wie Schuldenbremse und 30-Stunden-Woche, sowie in Auseinandersetzung mit verschiedenen Keynes-Schulen genähert werden. Den Auftakt bilden am Donnerstag Abend Vorträge mit anschließender Diskussion zur Epistemologie und Dogmengeschichte, am Freitag und Samstag wird es jeweils zahlreiche Vorträge und Workshops geben, welche die Vielfalt der ökonomischen Ansätze zu den genannten Themen aufzeigen und ihren Höhepunkt in den abendlichen Podiumsdiskussionen finden sollen. Im Anschluss an den Kongress findet am Sonntag die Mitgliederversammlung vom bundesweit organisierten Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. statt, zu dem auch am Netzwerk Interessierte eingeladen sind, sich zu beteiligen.