Ausgangssituation, Vorgehensweise und Ziel

In den vergangen Jahren gab es in der Öffentlichkeit aber auch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde zunehmend Kritik an der Einseitigkeit der derzeitig gelehrten Volkswirtschaftslehre. Wie in der modernen „Normalwissenschaft“ generell gibt es auch in der Ökonomik Akteure und Institutionen – etwa Meinungsführer, Fakultäten wichtiger Universitäten, zentrale Konferenzen, renommierte Zeitschriften oder Zitationshäufigkeiten –, die den Takt für die breite Strömung („mainstream“) der maßgeblichen wissenschaftlichen Aktivitäten vorgeben. Bezogen auf die vermittelten Inhalte sprechen ForscherInnen von einem vorherrschenden Kanon an Vorstellungen, Konzepten, Modellen und Methoden (der „Orthodoxie“); diese – so die Kritik – bewegt sich heutzutage weitgehend im Denkgebäude der neoklassischen Ökonomik und vernachlässigt nicht nur andere Denkrichtungen und Themen, sondern auch Vorlesungen wie die Geschichte des ökonomischen Denkens oder Wissenschaftstheorie. Aus pluralistischer Perspektive kann es in der Ökonomik, die ja eine Sozialwissenschaft ist, jedoch nicht eine vorherrschende Denkrichtung geben. Stattdessen sollte die Frage der Vielfalt von Konzepten und Methoden, der Interdisziplinarität sowie der (historischen) Selbstreflexion im Vordergrund stehen.

Vor diesem Hintergrund initiierte das Netzwerk Plurale Ökonomik ein Kooperationsprojekt mit der Universität Kassel, um diese Kritik empirisch zu überprüfen. Das Projekt wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

Die Studie, die vom Fachgebiet Umwelt- und Verhaltensökonomik der Universität Kassel von Prof. Dr. Frank Beckenbach, Dr. Maria Daskalakis und Dr. David Hofmann durchgeführt wurde, soll eine wissenschaftlich fundierte Auskunft über die Pluralität der Volkswirtschaftslehre in den Grundlagenveranstaltungen (Einführung in die Volkswirtschaftslehre, Mikroökonomik, Makroökonomik) in Deutschland geben und darüber hinaus Möglichkeiten zur Vergrößerung dieser Pluralität erkunden.

Hierfür wurde erstens eine Umfrage unter den lehrenden VolkswirtInnen an 54 volks- und wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen in Deutschland durchgeführt. Ziel war es zu untersuchen, welche Konzepte aus Sicht der Befragten zentral für den Mainstream sind und welche relevanten Konzepte durch den Mainstream nicht berücksichtigt werden. Ferner wurde erfasst, welche Vorstellungen und Einstellungen zur Volkswirtschaftslehre vorherrschen und wie sich diese in der konkreten Lehrpraxis niederschlagen bzw. welches die Hemmnisse einer pluralen Lehre sind.

Zweitens wurden die Modulbeschreibungen der Grundlagenveranstaltungen „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“, „Mikroökonomik“ und „Makroökonomik“ sowie Unterrichtsmaterialien untersucht. Ziel war es festzustellen, inwieweit bereits in den Modulhandbuchbeschreibungen eine Festlegung auf orthodoxe Inhalte erfolgt oder diese plurale Inhalte forcieren. Eine entsprechende Analyse von Lehrmaterialen zeigt dann, inwieweit Modulbeschreibungen und Lehrinhalte korrespondieren. Die Untersuchung berücksichtigt dabei sowohl den Einfluss der Forschung als auch die Wirkung universitätsinterner Organisationsmerkmale, wie sie sich im Post-Bologna-Prozess darstellen, auf die Lehre. 

Ergebnisse der Befragung der Lehrenden

Durch die Befragung der Lehrenden und die Analyse der Lehrinhalte der Grundlagenveranstaltungen konnten diese allgemeinen Überlegungen konkretisiert werden. Die Ergebnisse der Befragung belegen, dass die Lehrenden von einer Hierarchisierung der in der ökonomischen Analyse auftauchenden Begriffe ausgehen; die hauptsächlich für relevant gehaltenen Begriffe offenbaren hierbei eine spezielle konzeptionelle Sichtweise (Identifikation eines „mainstream“). Laut den Befragten ist der Mainstream durch Konzepte und Methoden gekennzeichnet, die sich im Gedankengerüst der neoklassischen Denkschule bewegen. Als relevantestes Merkmal des Mainstreams beschreiben die Befragten das Akteurskonzept des Homo oeconomicus sowie die Kategorien Rationalität, Gleichgewicht, Maximierung und Effizienz.

Überraschenderweise wird die Kritik der Studierenden von einer Mehrheit der Befragten für relativ weitgehend gerechtfertigt gehalten und eine offenere Sichtweise für angemessen gehalten. Es zeigt sich aber, dass die prinzipielle Bereitschaft zu pluraler Lehre nicht in entsprechender Weise in der Lehrpraxis umgesetzt wird (Einstellungs-Praxis-Lücke). Der Hinweis auf den Umfang des Pflichtstoffs und die personellen Engpässe als Hinderungsgrund für eine offenere (pluralistischere) Gestaltung der Lehrveranstaltungen bestätigt dabei die Vermutung, dass hier die leistungsorientierten Organisationsroutinen der modernen Universität eine wichtige Rolle spielen. Dazu kommt, dass mit dieser Orientierung der Lehrenden an überwiegend forschungsorientierten Fragestellungen die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten zur Lösung konkreter gesellschaftlicher Probleme bzw. zur Bewältigung der späteren Berufspraxis nur eine untergeordnete Rolle spielt. 

Ergebnisse der Analyse der Lehrinhalte

Für die Analyse der Lehrinhalte wurden zum einen Zuordnungen zum Mainstream und Sidestream herangezogen, die die befragten Lehrenden vorgenommen haben; zum andern wurden diese Zuordnungen auf Basis der Aussagen in der Literatur in Bezug das vorherrschende Paradigma vorgenommen. Dabei kam die in diesem Kontext erstmals verwendete Methode des text-mining zu Einsatz. Die Analyse der Lehrinhalte führt zu dem Ergebnis, dass es im Bereich der Grundlagenveranstaltungen eine starke Fokussierung auf ähnliche, dem Mainstream bzw. der Orthodoxie zuordenbare Begriffe gibt. Die dabei zutage tretenden Verknüpfungen lassen wiederum ein neoklassisches Grundkonzept erkennen. Begriffe, die in den Modulbeschreibungen der Mikroökonomik im Zuge der Nennung von Lehrinhalten häufig genannt werden, sind etwa Gleichgewicht, Spieltheorie, Monopol, Wohlfahrt, Maximierung, Optimierung. Auch bei der Makroökonomik dominieren gleichgewichtsorientierte Sichtweisen, wobei insgesamt die Mikroökonomik stärker orthodox orientiert ist. Die relativ häufige Nennung von Verhaltensökonomik an der Schnittstelle zwischen Mainstream und Sidestream deutet zunächst darauf hin, dass der Mainstream sich öffnet und andere akteursbasierte Ansätze Einzug halten. Dies geschieht jedoch weniger im Sinne einer Überwindung des neoklassischen Paradigmas. Vielmehr, so ein Ergebnis der Analyse der Lehrinhalte, kann die Verhaltensökonomik als „kritischer Rand“ der orthodoxen Ökonomik gesehen werden, als Variation innerhalb eines gegebenen paradigmatischen Kerns. Es handelt sich so gesehen um eine wissenschaftliche Produktdifferenzierung (ohne die grundlegenden Produkteigenschaften zu verändern).

Die wenigen Begriffe, die nicht dem Mainstream bzw. der Orthodoxie zugerechnet werden können, tauchen wesentlich seltener auf und lassen keinen konzeptionellen Zusammenhang erkennen. Dies findet seine Entsprechung in den Inhalten der am häufigsten verwendeten Lehrbücher. Die Standardisierung der Lehrinhalte und der Inhalte der Lehrbücher stehen in Wechselwirkung zueinander. Dieser Festlegung auf eine in der aktuellen Forschung vorgefertigte Sichtweise entspricht auch die untergeordnete Bedeutung der Fächer mit einer historischen Reflexion. Die Auswertung der Modulhandbücher auf universitätsbezogener Ebene offenbart die gravierenden Konsequenzen einer einseitig orientierten Ausbildung. So werden beispielsweise in der Mikroökonomik Ansätze jenseits des neoklassischen Ansatzes, sogenannte heterodoxe Ansätze, in über 80 % der untersuchten Studiengänge nicht thematisiert. Auch die Analyse, inwieweit die Modulhandbücher Veranstaltungen vorsehen, die sich mit der Ideengeschichte der Ökonomik, der Wirtschaftsethik, der Wirtschafts- und/oder der Wissenschaftsgeschichte befassen, zeigt, dass eine derart „erweiterte“ Perspektive systematisch nur von wenigen Unis angeboten wird. Dieser Umstand unterstreicht die Vermutung einer einseitigen Ausrichtung in der Ausbildung und wirft die Frage auf, ob sich eine solche Ausbildungssituation mit der Freiheit von Forschung und Lehre vereinbaren lässt. Zumal die Inhalte der entsprechenden Vorlesungen in den jeweiligen Modulhandbüchern direkt vorgegeben werden und kaum Spielraum für plurale Ansätze offen lassen.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie EconPLUS

Zentrale Ergebnisse der Befragung der Lehrenden

  1. Die große Mehrheit der befragten ÖkonomInnen ist der Auffassung, dass es einen Mainstream gibt, dabei ist auch eine Mehrheit der ÖkonomInnen der Meinung, dass es vom Mainstream nicht abgedeckte relevante ökonomische Konzepte und Theorieansätze gibt (Sidestream).

  2. Die Zuordnung von Begrifflichkeiten zum Mainstream durch die Befragten zeigt, dass sich der Mainstream vornehmlich im konzeptionellen und methodischen Gedankengerüst der neoklassischen Ökonomik bewegt. Die Aussagen zum Sidestream sind stark fragmentiert.

  3. Die Mehrheit der Befragten hat eine weitgehende Kenntnis der Kritik der Studierenden. Die Hälfte der Befragten hält die Kritik relativ weitgehend für angebracht.

  4. Es gibt eine deutliche Diskrepanz zwischen der Bereitschaft zu pluraler Lehre und der tatsächlichen Umsetzung (Einstellungs-Praxis-Lücke).

  5. Als Haupthindernis einer Vielfalt in der Lehre wird der Umfang des Pflichtstoffes genannt, gefolgt von einem Mangel an ausreichenden personellen Ressourcen, hoher Arbeitsbelastung sowie der Ausrichtung des Studiengangs.

  6. Frauen sind signifikant offener für die Kritik der Studierenden sowie die daraus folgende Umgestaltung der Lehre als Männer.

 

Zentrale Ergebnisse der Auswertung der Lehrinhalte

  1. Die Modulbeschreibungen der untersuchten Grundlagenmodule lassen den Schluss zu, dass an der überwiegenden Anzahl der volkswirtschaftlich orientierten Studiengänge der Universitäten eine Vorselektion von Themen, Konzepten, Lernzielen und Methoden stattfindet.

  2. Diese Vorfestlegung der Sichtweise auf die Lehrinhalte kommt einer Selbstbeschränkung in der Lehrpraxis gleich und widerspricht dem Gedanken einer offenen Universität und der verfassungsrechtlich garantierten Freiheit in Forschung und Lehre.

  3. Dieser Befund spiegelt sich weitgehend in der Ausrichtung der untersuchten Lehrmaterialien (Lehrveranstaltungsunterlagen und Lehrbücher) wider. Es kann davon ausgegangen werden, dass Modulhandbuchbeschreibungen und Lehrpraxis nicht unabhängig voneinander sind.

  4. Es zeigt sich, dass die Modulbeschreibungen zu den Grundlagenveranstaltungen von Begriffen und Konzepten dominiert werden, die der modernen Neoklassik zugerechnet werden können.

  5. Lehrveranstaltungen mit erweiternder Perspektive, etwa die Geschichte des ökonomischen Denkens, Wirtschaftsgeschichte, Wissenschaftstheorie und Ethik, sind nicht genuin Teil der Lehre, sondern werden – wenn überhaupt – nur an einzelnen Universitäten angeboten.

  6. Die Aufgabe einer akademischen Ausbildung, die auf einen selbstreflexiven Umgang mit gesellschaftlichen Problemen abzielen sollte, bleibt damit auf der Strecke. Die gegenwärtige Lehrpraxis vernachlässigt zudem die Ausbildungsinteressen der Studierenden, die nicht an der Universität verbleiben.

Die praktischen Schlussfolgerungen aus der Studie EconPLUS

  1. Universitäten leben von Offenheit und Vielfalt. Die Studie erlaubt die Ermittlung von erfolgversprechenden Ansatzpunkten für eine Förderung des Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre. Das betrifft erstens die Förderung pluralismusfreundlicher Einstellungen bei den Lehrenden und zweitens die Entwicklung pluraler Lehrmaterialien. Drittens ist hier v.a. die Erhöhung der Freiheitsgrade in der Lehre eine zentrale Weichenstellung, etwa durch Erhöhung des Wahlpflichtanteils (bzw. der Verringerung des Pflichtteils), das zusätzliche Angebot von Fächern mit erweiternder Perspektive und vor allem durch die Rücknahme der in den Modulhandbüchern gegebenen Standardisierung der Lehrinhalte zugunsten einer größeren Entscheidungsmöglichkeit für die Studierenden.

  2. Die Studie kann als Leitfaden für weitere empirische Untersuchungen der hier nicht behandelten Teile der volkswirtschaftlichen Lehre (Bachelorphase nach den Grundlagenveranstaltungen, Masterstudium und ggf. Graduiertenstudium) verwendet werden. Zudem kann die Untersuchung auf andere Länder, insbesondere Österreich und Schweiz, ausgeweitet werden.

Die vollständige Studie erscheint im November im Metroplis-Verlag.

Quellen und Downloads

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Pressemitteilung

 

Quellen

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